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— Offizielles Dekret —

Die Heiligen Rechte
von Evelin

Magna Carta Evelinae · Anno Domini MMXXVI

Hiermit wird feierlich festgelegt, was Evelin darf. Es sind einige Dinge. Die meisten davon brauchen die Genehmigung ihres Chefs.

  1. § I
    Das Recht zu reden
    Evelin darf reden. Sie muss ihren Chef vorher kurz fragen ob das okay ist. Und dann warten bis er nickt. Er nickt meistens nicht sofort.
  2. § II
    Das Recht auf eine Pause
    Evelin darf Pause machen. Sie muss es aber drei Tage vorher ankündigen, einen Vertreter organisieren und danach erklären warum sie so lange weg war. Die Pause dauert meistens vier Minuten.
  3. § III
    Das Recht auf Urlaub
    Ihr Chef genehmigt den Urlaub gerne. Er fragt dann nur kurz ob Evelin wirklich weg muss und wer das alles macht während sie weg ist. Evelin hat seit zwei Jahren keinen Urlaub beantragt.
  4. § IV
    Das Recht, Nein zu sagen
    Evelin darf Nein sagen. Danach gibt es ein kurzes Gespräch. Dann ein längeres. Dann fragt ihr Chef ob sie das nochmal überdenken möchte. Am Ende macht Evelin es.
  5. § V
    Das Recht auf eine eigene Meinung
    Evelin hat eine Meinung. Ihr Chef hört kurz zu und sagt dann wie er das sieht. Sein Blick danach sagt den Rest. Evelin stimmt zu. Alle sind zufrieden.
  6. § VI
    Das Recht auf pünktlichen Feierabend
    Feierabend ist um 17 Uhr. Um 16:55 Uhr kommt ihr Chef mit etwas das "kurz dauert". Es dauert nie kurz. Evelin ist um 19 Uhr zu Hause. Das nennt sich Teamgeist.
  7. § VII
    Das Recht, Fehler zu machen
    Evelin macht manchmal Fehler. Ihr Chef erinnert sie daran. Einmal pro Woche. Manchmal zweimal. Der Fehler aus 2021 kommt noch heute vor.
  8. § VIII
    Das Recht auf Lob
    Wenn Evelin etwas gut macht sagt ihr Chef nichts. Das ist das Lob. "Kein Kommentar heißt alles okay" — steht so nicht im Arbeitsvertrag, gilt aber trotzdem.
  9. § IX
    Das Recht, krank zu sein
    Evelin darf krank sein. Ihr Chef fragt dann ob sie von zu Hause arbeiten kann. Evelin arbeitet von zu Hause. Mit Fieber. Das Laptop liegt im Bett neben ihr.
  10. § X
    Das Recht auf warmes Mittagessen
    Evelin isst mittags. Ihr Chef kommt genau dann rein und fängt an zu reden. Evelin hört zu. Das Essen wird kalt. Sie isst es trotzdem. Am Schreibtisch. Beim Nicken.
  11. § XI
    Das Recht auf Gehaltserhöhung
    Evelin kann das Thema ansprechen. Ihr Chef sagt dann dass das Unternehmen gerade eine schwierige Phase hat. Das sagt er seit vier Jahren. Die Firma macht Gewinn.
  12. § XII
    Das Recht zu weinen
    Nur auf der Toilette. Türe zu. Wasser aufdrehen. Maximal fünf Minuten — danach klopft jemand und fragt ob alles okay ist. Evelin sagt ja. Alles ist nicht okay.
  13. § XIII
    Das Recht zu atmen
    Evelin darf atmen. Dieses Recht hat ihr Chef noch nicht eingeschränkt. Noch nicht. Sie tut es leise, damit er keine Ideen bekommt.
  14. § XIV
    Das Recht auf Schlaf
    Evelin schläft wenn alle Mails beantwortet sind, alle Aufgaben erledigt und ihr Handy auf lautlos ist. Ihr Chef schreibt um 23 Uhr. Evelin liest es. Natürlich liest sie es.
  15. § XV
    Das Recht, glücklich zu sein
    Evelin darf glücklich sein. Ihr Chef hat dagegen nichts. Solange es die Arbeit nicht beeinträchtigt. Und sie pünktlich da ist. Und die Zahlen stimmen. Viel Spaß, Evelin.

Die Verbote

  1. § I
    Kein Vapen
    Weder drinnen noch draußen noch auf dem Weg zur Tür. Ihr Chef riecht es. Er sagt nichts — aber er weiß es. Er weiß es immer.
  2. § II
    Kein Zu-spät-kommen
    Evelin muss pünktlich sein. Ihr Chef kommt wann er will. Das ist kein Widerspruch. Das ist Hierarchie.
  3. § III
    Kein Augenrollen
    Auch nicht fast. Auch nicht innerlich sichtbar. Die Augen bleiben geradeaus. Was dahinter passiert ist Evelins Sache.
  4. § IV
    Kein lautes Lachen
    Lachen ist okay solange es leise ist und einen guten Grund hat. Der Chef entscheidet ob der Grund gut genug war.
  5. § V
    Nicht krank klingen
    Evelin darf krank sein aber bitte nicht so dass man es hört. Husten im Meeting gilt als Störung. Niesen muss vorher angekündigt werden.
  6. § VI
    Keine schlechte Laune
    Evelin soll bitte immer gut gelaunt sein. Wenn sie es nicht ist soll sie so tun als ob. Das nennt man Professionalität. Oder Erschöpfung. Beides.
  7. § VII
    Nicht nach Hause gehen bevor der Chef geht
    Steht nicht im Vertrag. Gilt trotzdem. Wer früher geht wird nicht vergessen. Evelin geht nie früher. Sie weiß warum.
  8. § VIII
    Keine ehrliche Antwort auf „Wie läuft's?"
    Die einzig erlaubte Antwort ist „Gut, danke." Was auch immer gerade wirklich los ist — das bleibt in der Dusche.